Sexualverhalten
deutscher Jugendlicher
1000mal berührt... über Küssen,
Zärtlichkeiten, Berühren, Selbstbefriedigung und
gleichgeschlechtliche Kontakte unter Jugendlichen
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Einleitung
Tausendmal berührt,
tausendmal ist nichts passiert... heißt ein berühmter Hit der
Klaus-Lage-Band. Der Titel wurde für diesen zweiten Bericht über das
Sexualverhalten von Jugendlichen gewählt, weil es darin um Berührungen
(Tausendmal berührt), z.B. Zärtlichkeiten, Küssen, Petting,
Selbstbefriedigung und gleichgeschlechtliche Kontakte, aber nicht um
Geschlechtsverkehr (nichts passiert) unter Jugendlichen geht. Wie
schon im ersten Teil, so wird auch in diesem Bericht auf verschiedene
Studien zurückgegriffen, die die Forschungsstelle in einem Zeitraum von
mehreren Jahren zur Jugendsexualität durchgeführt hat. Ein Teil der
hier vorgestellten Ergebnisse wurde bereits in verschiedenen Büchern
veröffentlicht. Es werden aber auch neue, bisher noch unveröffentlichte
Befunde präsentiert.
Schmusen, Küssen und
Streicheln sind für jeden Menschen in jeder Lebensphase wichtig. Der
Austausch von Zärtlichkeiten beruhigt, entspannt, tröstet, fördert
das Wohlbefinden und die Gesundheit. Während Kinder mit ihren Eltern,
Geschwistern, Freunden/-innen oder anderen Personen aus Bedürfnis nach
sozialem Kontakt und körperlicher Nähe schmusen, beinhalten die Zärtlichkeiten
unter Jugendlichen zusätzlich eine sexuelle Note. Durch Schmusen, Küssen
und Berühren lernen sie ihren Körper und den ihres Partners/ihrer
Partnerin kennen, sie können Gefühle ausdrücken und sich sehr nahe
sein. In Gesellschaften, in denen der Geschlechtsverkehr vor der Ehe
verpönt ist, sind Zärtlichkeiten und Petting für ein unverheiratetes
Paar die einzige Möglichkeit der sexuellen Annäherung. Aber auch bei
Erwachsenen, die Geschlechtsverkehr haben, spielen Zärtlichkeiten eine
große Rolle oftmals eine größere als der Geschlechtsverkehr.
Schmusen und Streicheln gehören nicht nur fest zum Liebesakt selbst,
sondern sind eine Form des Ausdrucks von liebevollen Gefühlen in jeder
Alltagssituation. Sie nehmen damit einen größeren Raum im Sexualleben
der meisten Menschen ein als der Geschlechtsverkehr.
Im
folgenden wird beschrieben, wie viele Jugendliche Erfahrungen mit
verschiedenen sexuellen Verhaltensweisen (außer Geschlechtsverkehr)
haben, wie sie dazu eingestellt sind und was ihnen in ihrem Sexualleben
wichtig ist.
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Erfahrungen mit Schmusen und Küssen
Etwa ein Viertel der 14- bis
17-jährigen Jugendlichen hat noch nie einen Jungen bzw. ein Mädchen
geküßt und mit ihm/ihr geschmust. Als häufigster Grund wurde genannt,
daß den Jugendlichen bisher der richtige Junge/das richtige Mädchen
fehlte. Viele Jungen halten sich selbst für zu schüchtern und haben
Angst, sich ungeschickt anzustellen. Ein Teil der Mädchen hält sich
ebenfalls für zu schüchtern und für zu jung. Aber auch andere Gründe
wie Angst, daß die Eltern es erfahren könnten oder fehlendes Interesse
tragen dazu bei, daß ein Teil der befragten Jugendlichen noch keinerlei
sexuelle Erfahrungen gesammelt hat. Moralische Bedenken oder religiöse
Gründe (als Jungfrau in die Ehe gehen) spielen hingegen so gut
wie keine Rolle. Unerfahrenheit ist hier nicht als bewußte sexuelle
Enthaltsamkeit zu deuten.
76,9% der 14- bis 17-jährigen
Jungen haben schon einmal ein Mädchen und 77,9% der Mädchen haben
schon einmal einen Jungen geküßt und mit ihm/ihr geschmust. Beim
ersten Kuß waren die Jungen im Durchschnitt 12,8 Jahre und die Mädchen
13,0 Jahre alt.
Zum Ablösungsprozeß von
den Eltern gehört es dazu, daß Jugendliche sich den elterlichen Berührungen
und Zärtlichkeiten, die sie als Kinder noch gerne hatten, nach und nach
entziehen. So verwundert es auch nicht, daß nur knapp die Hälfte der
befragten Jugendlichen körperliche Berührungen mit Familienangehörigen
und Bekannten schätzt. Mädchen in der Pubertät lassen sich noch eher
von Familienangehörigen und Freunden gerne berühren als Jungen. 84,1%
der Jugendlichen wollen vor allem vom festen Freund/von der festen
Freundin berührt werden. In dieser Abwendung vom
Personenkreis der Kindheit und der Zuwendung zu einem Sexualpartner/
einer Sexualpartnerin zeigt sich deutlich, wie sich Charakter und
Bedeutung von körperlichen Berührungen in der Pubertät verändern.
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Erfahrungen mit Petting
Fast drei Viertel der Jugendlichen mit
ersten sexuellen Erfahrungen hatten ihren Freund/ihre Freundin schon geküßt.
Etwas mehr als die Hälfte hatte Erfahrungen mit Brustpetting und über
ein Drittel mit Genitalpetting.
Von den Jugendlichen mit
Pettingerfahrungen hatte etwa ein Drittel 2- bis 10mal und etwa die Hälfte
schon mehr als 10mal Petting gehabt. Knapp die Hälfte der Jungen und über
die Hälfte der Mädchen hatten Petting mit einem Partner/einer
Partnerin, aber keinen Geschlechtsverkehr. Ein Viertel der Jungen und
ein Fünftel der Mädchen hatten mit zwei Partnern/-innen, und 15% der
Jungen und 9,1% der Mädchen hatten mit
drei und mehr Partnern/-innen Petting ausgeführt, ohne daß es dabei
zum Geschlechtsverkehr kam.
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Erfahrungen mit Selbstbefriedigung
76,4% der 14- bis 17-jährigen
Jugendlichen halten Selbstbefriedigung nicht für eine Ersatzhandlung,
sondern für eine eigenständige sexuelle Verhaltensweise. Mädchen
(80,0%) meinen dies eher als Jungen (72,7%). Jugendliche haben damit
eine etwas progressivere Haltung zur Selbstbefriedigung als Erwachsene.
Von den älteren Befragten waren nur 63,2% der 50- bis 59-Jährigen und
54,3% der über 60-Jährigen der Meinung, daß Selbstbefriedigung eine
eigenständige Form der Sexualität ist, die vom einzelnen lustvoll
erlebt werden kann.
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| Von den
befragten Jugendlichen haben sich 25,1% der Jungen und 54,6% der Mädchen
noch nie selbst befriedigt. Bei der ersten Selbstbefriedigung waren die
Jugendlichen durchschnittlich 13 Jahre alt. Einige wenige Jungen und Mädchen
begannen mit Selbstbefriedigung im Alter von 6 Jahren. Etwa ein Drittel
der befragten Jugendlichen hatte seine ersten Erfahrungen mit
Selbstbefriedigung vor dem 13. Lebensjahr gesammelt. Knapp ein Drittel
hat bei der Selbstbefriedigung manchmal ein schlechtes Gewissen, zwei
Drittel spüren hingegen keine Gewissensbisse.
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Bedeutung verschiedener sexueller Verhaltensweisen
Zärtlichkeiten, Schmusen
und Küssen werden von Jugendlichen als weitaus wichtiger in ihrem
Sexualleben eingeschätzt als Petting, Geschlechtsverkehr oder
Selbstbefriedigung. Diese Sichtweise ist nicht nur unter Jugendlichen
verbreitet, sondern in der gesamten Bevölkerung. Es gibt jedoch einige
Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und zwischen Jugendlichen
verschiedenen Alters. Für Mädchen sind Zärtlichkeiten noch wichtiger
als für Jungen. Diese messen hingegen dem Geschlechtsverkehr und der
Selbstbefriedigung größere Bedeutung bei als Mädchen. Für 14-Jährige
(vor allem für Jungen) ist Selbstbefriedigung neben den Zärtlichkeiten
mit Abstand die wichtigste sexuelle Verhaltensweise. Für 15-Jährige
ist Schmusen und Küssen, aber auch Petting
eher von Bedeutung. 16-Jährigen ist Genitalpetting vergleichsweise am
wichtigsten. 17-Jährige ist der Geschlechtsverkehr wichtiger als jüngeren.
Insgesamt nimmt die Bedeutung des Geschlechtsverkehrs mit zunehmendem
Alter zu und die Bedeutung der Selbstbefriedigung ab. Petting ist für
15- und 16-Jährige wichtiger als für jüngere Befragte, wohingegen es
für ältere Jugendliche weniger wichtig ist.
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Gleichgeschlechtliche Kontakte
Von Erfahrungen mit
gleichgeschlechtlichen Kontakten berichten 6,0% der Jungen und 6,1% der
Mädchen. Die meisten dieser Jungen erlebten die gleichgeschlechtlichen
Kontakte im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die Mädchen im Alter von
14 Jahren.
Bis zum Alter von 10 Jahren hatten 12,5%
dieser Jungen und 20,0% dieser Mädchen gleichgeschlechtliche Kontakte
erlebt. Bis zum Alter von 13 Jahren waren es 56,8% der Jungen und 50,6%
der Mädchen. Die andere Hälfte dieser Jugendlichen machten ihre
gleichgeschlechtlichen Erfahrungen im Alter zwischen
14 und 17 Jahren (siehe Grafik).
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| Nach Auffassung
von Sexualwissenschaftlern gehören sexuelle Kontakte unter
gleichgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen zur Suche nach der
eigenen sexuellen Identität sie sind also nicht als unnormal oder
krankhaft zu bewerten. Neugier und Gelegenheit mögen dabei eine Rolle
spielen; denn bei Freizeitaktivitäten und in Cliquen kommen sich
gleichgeschlechtliche Jugendliche, die noch wenig Erfahrung im Umgang
mit dem anderen Geschlecht haben, eher näher als Jugendliche
verschiedenen Geschlechts. Heute wird die Meinung vertreten, daß
Jugendliche durch gleichgeschlechtliche Kontakte nicht homo- oder
bisexuell werden entweder sind sie bereits vor der Aufnahme
sexueller Aktivitäten homo- oder bisexuell veranlagt und wollen ihren
sexuellen Interessen ebenso nachgehen wie heterosexuelle Jugendliche,
oder sie tendieren eher zur Heterosexualität und sehen einen gewissen
Reiz im Ausprobieren verschiedener sexueller Spielarten. Welche Gründe
für gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte unter Jugendlichen auch
vorliegen als Auslöser für Homo- oder Bisexualität werden sie
nicht angesehen.
Ob homo-, bi- oder
heterosexuell Jugendliche stehen der Homosexualität offener gegenüber
als Erwachsene. Während über drei Viertel der Jugendlichen der
Auffassung sind, daß Homosexualität zunehmend gesellschaftlich
toleriert wird und somit nichts mehr Anstößiges ist, teilen nur knapp
zwei Drittel der Erwachsenen diese Meinung. Unter den Erwachsenen sinkt
die Toleranz von Homosexualität mit zunehmendem Alter.
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| Obwohl nur 6%
der Jugendlichen über gleichgeschlechtliche Erfahrungen berichteten,
mag die Anzahl der Homo- oder Bisexuellen unter ihnen höher sein. Von
der Mehrheit der heterosexuellen Jugendlichen wird diese Form der
Sexualität akzeptiert. Dies läßt die Prognose zu, daß die
Gesellschaft der Zukunft weniger Vorbehalte gegenüber Homosexualität
hat.
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Quelle:
Forschungsstelle für
Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik, Universität Landau,
August-Croissant-Str. 5, 76829 Landau (http://fss.uni-landau.de)
Tel.: 06341/ 990-162
E-mail: fsus@uni-landau.de
Kluge, N. (1998).
Sexualverhalten Jugendlicher heute. Weinheim: Juventa
Kluge, N. und Sonnenmoser, M. (2000). Sexualleben der Deutschen.
Forschungsbericht
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