Bewegung statt Pharma
Bewegungstherapie für hyperaktive Kinde
Pressemitteilung der UNI Dortmund vom 05.01.2005
"mundo" - das Forschungsmagazin der Universität Dortmund
berichtet in seiner neuesten Ausgabe über ein Forschungsprojekt, das
Alternativen zur medikamentösen Behandlung des
"Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms", kurz "ADHS",
sucht. Das Symptom ist seit Mitte der Achtziger Jahre bekannt, doch die
Ursachen liegen noch im Dunkeln. Wirksame Therapien gibt es derzeit nur
eine. Sie ist pharmazeutisch und häufig unter dem Markennamen "Ritalin"
bekannt, dessen langfristige Nebenwirkungen jedoch noch unerforscht sind.
Prof. Dr. Gerd Hölter und Dr. Wolfgang Beudels vom Fachgebiet
"Bewegungserziehung und Bewegungstherapie in Rehabilitation und
Pädagogik bei Behinderung" der Fakultät
Rehabilitationswissenschaften setzen auf vergleichsweise einfache Mittel:
auf Bewegung und Training. Als ideales Medium für die Therapie von
kleinen ADHS-Patienten haben sie neben Spielen in der Turnhalle das Medium
Wasser entdeckt. "mundo" bietet spannende Reportagen, Portraits
und Interviews über Forschungsprojekte an der Universität Dortmund -
allgemeinverständlich erklärt für jeden Wissenschaftsinteressierten.
"mundo" ist kostenlos erhältlich bei der Universität Dortmund
Referat für Öffentlichkeitsarbeit Baroperstr. 285 44227 Dortmund Tel.:
02131/755-5524 Fax: 0231/755-4664 Email: cordula.kerkes@uni-dortmund.de
Christoph (Name geändert) ist fast acht Jahre alt. Im November wurde bei
ihm das so genannte ADH-Syndrom diagnostiziert. Seitdem nimmt er das
Psychopharmakon "Ritalin". Wir sind sehr daran interessiert,
dass Christoph an Ihrem Projekt teilnimmt, weil wir der Meinung sind, dass
ein Bewegungsprogramm gegen seine motorische Unruhe Erfolg verspricht.
Christoph ist ein fröhlicher, aufgeweckter, neugieriger Junge - aber
leider ist sein Sozialverhalten überhaupt nicht altersgemäß. Aus diesem
Grund haben wir uns entschlossen, einen Therapieversuch mit "Ritalin"
zu machen. Dennoch möchten wir im Grunde unseres Herzens so schnell wie
möglich wieder davon wegkommen. Wir würden uns über eine positive
Antwort sehr freuen." Briefe wie dieser, geschrieben von Eltern
irgendwo im Ruhrgebiet, erreichen Gerd Hölter immer wieder. Es ist die
pure Verzweiflung von Eltern mit hyperaktiven Kindern, die an dem so
genannten "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom"
oder kurz "ADHS" leiden. Die Kinder fühlen sich selbst in ihrer
Haut nicht wohl. Ihre Aufmerksamkeit ist sehr schnell erschöpft, sie
können sich kaum auf etwas konzentrieren und haben einen ungeheuren
Bewegungsdrang. Immerzu sind sie unruhig, rudern oft unkoordiniert mit
ihren Armen, düsen aufgeregt durch die Gegend. Das Symptom ist seit Mitte
der Achtziger Jahre bekannt, doch die Ursachen liegen noch im Dunkeln. Nur
eines steht fest: Das ADHS hat nicht nur eine Ursache. Genetische
Veranlagung, Ernährung und soziale Strukturen spielen hier zusammen.
Wirksame Therapien gibt es derzeit nur eine. Sie ist pharmazeutisch und
häufig unter dem Markennamen "Ritalin" bekannt. Ritalin ist ein
Metylphenidat, das normalerweise aufputschend wirkt, allerdings bei diesen
Kindern erstaunlicherweise sedierend und gleichzeitig dämpfend auf den
Bewegungsdrang. Den Erfolg in rund 70 Prozent der Fälle belegen so
genannte Meta-Analysen. Genauso wie die Ursachen des "ADHS"
unklar sind, so ist auch die genaue Wirkung von Medikamenten wie Ritalin
nicht bekannt. Fakt ist nur, dass es häufig als ein Wundermittel
angesehen wird. Es ist so schön einfach: Pille einwerfen und gut ist es.
Doch Medikamente wie Ritalin bekämpfen nur die Symptome, nicht aber die
Ursachen. Werden sie abgesetzt, dann stellen sich die alten
Erregungszustände bei den Kindern wieder ein. Und die langfristigen
Nebenwirkungen sind unerforscht. Könnten eventuell Parkinson-Erkrankungen
mit der langjährigen Einnahme von Ritalin zusammenhängen? Bergen
Amphetamine wie Ritalin vielleicht ein Suchtpotenzial? An der Universität
Dortmund wird nach Alternativen gesucht, das ADHS weniger medikamentös in
den Griff zu bekommen. Prof. Dr. Gerd Hölter und Dr. Wolfgang Beudels vom
Fachgebiet "Bewegungserziehung und Bewegungstherapie in
Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung" der Fakultät
Rehabilitationswissenschaften setzen auf vergleichsweise einfache Mittel:
auf Bewegung und Training. Als ideales Medium für die Therapie von
kleinen ADHS-Patienten haben sie neben Spielen in der Turnhalle das Medium
Wasser entdeckt. "Wasser ist für diese Kinder ideal",
erläutern sie, denn "es bremst den Bewegungsdrang und wirkt
besonders bei höheren Temperaturen entspannend". Im Wasser kann sich
niemand so schnell bewegen wie an Land, weil das andere Element jeder
Bewegung Widerstand entgegensetzt. Im Wasser "zappeln" geht gar
nicht. Dazu kommt, dass warmes Wasser den Körper entspannt, weil es ihn
umfängt und trägt. So bietet die rein physikalische Umgebung auch gute
physiologische Bedingungen, das nasse Element wird zum "ökologischen
Ko-Therapeuten", wie Hölters Mitarbeiterin Christina Koentker es
ausdrückt. "Wasser baut schon von sich aus den Bewegungsdrang ab.
Wir geben noch spielerische Elemente dazu, um Handlungsplanung und soziale
Kompetenz zu entwickeln", erzählt Christina Koentker. Die
Diplom-Pädagogin hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit eine Gruppe von sechs
Kindern mit ihren Eltern betreut. Mehr als ein Vierteljahr lang trafen sie
sich im Sommer an drei Tagen die Woche in einem Warmwasserbecken der
Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Dortmund-Aplerbeck. Dort stand
eine Stunde praktische Bewegungs- und Verhaltenstherapie auf dem Programm.
"Die Kinder sollten sich und ihren Körper besser einschätzen
lernen", skizziert Diplom-Pädagogin Koentker die Ziele. "Sie
sollten merken: Was passiert, wenn ich schnell schwimme oder
langsam?" In Gruppenspielen mussten die Kinder Aufgaben lösen, die
eine Planung erfordern, denn sie sollten vorher überlegen, was sie wie
machen wollen, bevor sie losstürmten. Dabei mussten klare Regeln
eingehalten werden. Wer gegen sie verstieß, erhielt Rote und Gelbe Karten
wie beim Fußball. So sollten die Kinder zum Beispiel in einer bestimmten
Reihenfolge nach farbigen Ringen im Wasser tauchen, diese an die
Oberfläche holen und an Land ablegen. Die Kinder waren eifrig dabei.
Spielerisch lernten sie, auch mit Niederlagen umzugehen. "Die
Frustrationstoleranz erhöhen", wie es häufig im Fachjargon heißt.
Die Kinder sollten lernen, ihre Impulsivität in geplantes Handeln
umzuleiten. Was sie im Wasser spielerisch erfuhren, lernten sie für das
Leben draußen: eben nicht gleich jedem Impuls zu folgen, sondern sich
vorher Gedanken über die Herangehensweise zu machen. "Wenn Kinder
den Sinn von Tätigkeiten erkennen, verhalten sie sich anders", hat
Gerd Hölter festgestellt und sieht bei dem Wassertraining aber auch viele
Effekte einer körperlichen Ertüchtigung, da in Untersuchungen zur
motorischen Leistungsfähigkeit dieser Kinder auch massive motorische
Defizite und Fitnessmängel festgestellt wurden. Während sich die Kinder
unter Anleitung von Christina Koentker im Wasser tummelten, kümmerte sich
die Diplom-Pädagogin Pilar Sojo Sojo um die Eltern im
"Eltern-Café". Dabei leuchtete sie auch den familiären
Hintergrund aus, der Rückschlüsse auf das Verhalten der Kinder zulässt.
Vorher verteilte Fragebögen wurden besprochen und gemeinsam ausgewertet.
Sie sollten dabei helfen, das Eltern-Kind-Verhältnis zu klären. Täglich
führten die Eltern ihr "Verhaltenstagebuch", jeden Tag lag ihr
Augenmerk auf drei bestimmten Verhaltensweisen ihres Kindes. Sie sollten
ihr Kind gezielt beobachten, Veränderungen und besondere Eigenschaften
feststellen. Bei der gezielten Beobachtung entdeckten die Eltern
überrascht mehr positive Aspekte an dem Verhalten ihrer Kinder, als sie
bisher für möglich gehalten hatten. Im Fachjargon würde man dieses
Vorgehen "ressourcenorientiert" nennen. "Wir versprechen
kein Allheilmittel. Wir können Ritalin auch nicht abschaffen. Aber mit
unserer Methode soll es möglich werden, die Dosis zu senken. Mehr
Bewegung und Therapie, dafür weniger Ritalin - das ist unser
Konzept", stellt Hölter klar, der keine Patentrezepte anbieten will,
obwohl er kritische Worte findet: Immer mehr Kinder kommen unter dem
Ticket "ADHS" in die Therapie. "Hausärzte und sogar
Zahnärzte attestieren in Deutschland "ADHS"", kritisiert
Hölter die zunehmende Zahl von Patienten. Seiner Meinung nach sind die
Fallzahlen von ADHS-Patienten in Deutschland um etwa das Zehnfache
überhöht. Da müssten einfach viele Verlegenheitsdiagnosen darunter
sein, anders könne man sich den drastischen Anstieg der Fallzahlen seit
Mitte der Neunziger Jahre nicht erklären. Und: Medikamente wie Ritalin
seien eben einfacher und vor allem billiger als Bewegungstherapie oder die
noch kostenträchtigere Psychotherapie für Kinder. Das neue
Therapietraining, das derzeit an der Fakultät
Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund entwickelt wird,
könnte hyperaktiven Kindern einmal über die Region hinaus helfen.
Spielerisch, kindgerecht und ohne Medikamente, damit die Eltern entlastet
und ihnen neue, schöne und sehr liebenswerte Seiten an ihren Kindern
aufzeigt werden.
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